Interview mit John von Düffel

12.01.2020
Interview mit John von Düffel

In seinem neuen Roman »Der brennende See« widmet sich John von Düffel nicht nur dem natürlichen Zauber des Elements Wasser. Er nähert sich ihm als knappe Ressource, als Politikum, als Lebensbedingung und Klima-Komponente und nicht zuletzt als Frage des Zusammenlebens der Generationen. Der Roman wird ab dem 19. Februar im Buchhandel erhältlich sein. Im nachfolgenden Interview verrät John von Düffel Ihnen erste Hintergründe und Details.

Ihr neuester Roman fängt gewissermaßen mit dem Tod des Autors an: Hannah, die Tochter des Schriftstellers, kommt zur Haushaltsauflösung und Testamentseröffnung ihres verstorbenen Vaters in die Stadt ihrer Schulzeit zurück und verstrickt sich dort in eine Spurensuche, die zu mehr Fragen als Antworten führt. Wie stark haben Sie damit sich selbst in Ihr Buch hineingeschrieben?
Es ist in Gedanken immer reizvoll, auf seiner eigenen Beerdigung zu Besuch zu sein und sich die Welt nach seinem Tod auszumalen. Aber in diesem Fall wollte ich mich eher raus- als reinschreiben. Es geht in dem Buch grundsätzlich um die Frage: Was für eine Welt hinterlassen wir, was für ein geistiges und gesellschaftliches Erbe? Und diese Frage bezieht sich nicht nur auf die Großeltern-Generation, sondern auch auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Was geben wir weiter? Und wie richtig und überlebenswichtig ist das, was wir durch unser Beispiel vermitteln, angesichts einer verbrennenden Welt?

Nun heißt Ihr Roman nicht ›Die brennende Welt‹, sondern ›Der brennende See‹. Wie sehr gibt Ihr Lieblingsthema – das Wasser – den Ton an?
Ohne Wasser kein Leben – insofern ist die Beschäftigung mit dem Element immer existenziell. Aber meine Liebe zum Wasser hat sich insofern entwickelt, als sie neben dem Poetisch-Ästhetischen auch immer mehr ethische Fragen einschließt. Unser Umgang mit dem Wasser spiegelt den Umgang unserer Gesellschaft mit ihren natürlichen Lebensgrundlagen. Und in Zeiten zunehmender Dürre und Wasserknappheit muss man, glaube ich, niemandem mehr erklären, wie wichtig der Respekt davor ist. Doch wer hätte bis vor wenigen Jahren gedacht, dass in Mitteleuropa auch die Wolken knapp werden? Insofern ist ›Der brennende See‹ zwar ein weiteres Buch über das Wasser, aber mein erstes Wolkenbuch.

Und ist es auch Ihr Buch zum Klimawandel?
Zunächst mal ist es eher ein Buch zum Wetter. Auch das hätte ich mir nie träumen lassen, aber die Wetterberichte werden zusehends eine Existenzfrage, nicht nur für Bauern und Kleingärtner. Sie werden übrigens auch immer schwieriger – durch die Vielzahl extremer, sehr lokaler Wetterereignisse. Die große Fiktion der Zukunft ist im Grunde die Wettervorhersage. Doch für mich stellen Wetter und Wasser keine abstrakten Themen dar, es sind sozusagen weitere Protagonisten im Zusammenspiel mit den handelnden Personen einer Geschichte. Meine Art zu erzählen ist immer figürlich. Und darin besteht auch mein größter Anspruch an mich selbst: Charaktere zu beschreiben, die komplex sind, widersprüchlich, abgründig und zum Glück auch humorvoll – weil ich nicht an Belehrung durch Literatur glaube, sondern an ein besseres Verständnis von sich und der Welt durch lesende Empathie.

Durch diese Figuren aus drei Generationen sind Sie gewissermaßen auf Ihrem vertrauten Terrain des wasserhaltigen Familienromans. Geht das überhaupt mit so aktuellen Themen wie dem Klimawandel zusammen?
Sicher handelt es sich, äußerlich betrachtet, um einen Generationen-Roman, und das hat zunächst mal etwas Nostalgisches. Doch gerade die Frage der Klima-Gerechtigkeit ist eine Frage der Generationen-Gerechtigkeit. Inwieweit verschwenden und zerstören wir Älteren gerade die Zukunft unserer Kinder und Enkel? Inwieweit ist der westliche way of life ein Missbrauch von Privilegien und Ressourcen, den sich der Rest der Welt und die Natur nicht mehr lange gefallen lassen werden? Und wie werden wir in zehn, fünfzehn Jahren auf unsere heutige Art zu leben zurückblicken? Im Grunde wissen alle, dass es so nicht weitergeht, doch keiner ist bereit, wirklich etwas zu tun. Angesichts dieser Handlungsunwilligkeit und Unfähigkeit auf allen Ebenen, im Großen wie im Kleinen, kann ich schon verstehen, dass uns die Generation Greta mit höchster Dringlichkeit zuruft: »Bitte verlassen Sie die Welt so, wie Sie sie vorfinden möchten!«

Stehen wir dann Ihrer Meinung nach vor der »ÖkoKalypse«?
Es ist nicht leicht, heute kein »alarmistisches« Buch zu schreiben, aber ich habe es versucht. Der Daueralarm in den Medien hat schließlich nicht zu einem Umdenken geführt. Was das Phänomen Klimawandel angeht, versuche ich nicht, so zu tun, als könnte ich die großen Katastrophen besser beschreiben als die Wissenschaft. Mich interessiert literarisch vielmehr, wie sich unsere Wahrnehmung verschiebt, wie schnell wir uns daran gewöhnen, dass die Felder nicht mehr grün sind und jeder See einen Trockenrand hat. Diese schleichende Akzeptanz der Katastrophe, das Unwirkliche unserer sich verändernden Wirklichkeit ist etwas, das ein Roman stärker ins Bewusstsein rücken kann als eine offizielle Schadensbilanz. Und es führt aus meiner Sicht viel unmittelbarer zu der Frage, die in jedem literarischen Text neu verhandelt wird: Muss ich mein Leben ändern? Wie lebe ich richtig? Wie lebe ich gerecht? Und mit dieser Frage ist man nie fertig. Sie stellt sich bis zum Schluss.

Foto: © Katja von Düffel