»Rosalie« - warum?

28.11.2016
»Rosalie« - warum?

Als ich eines schlaflosen Nachts, cirka anderthalb Jahre vor Harper Lees Tod, erstmals die Verfilmung von To Kill A Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) gesehen habe, saß ich irgendwann hellwach im Bett und habe geschaut wie ein Kanarienvogel, wenn der Teekessel pfeift. Ich hatte etwas begriffen.

Jedes Jahr verbringe ich etliche Zeit in meinem niederbayerischen Heimatort und bin im Grunde blind für seine Mythologie. Schaue Twin Peaks, lese Tom Sawyer und Harper Lee und seh nicht, dass auch mein deep south mit Geschichten aus seinem moosigen Untergrund nur so brodelt. Die Schauplätze sind alle da. Das baufällige Wasserschloss, das alte Sägewerk, das riesige Kloster, die Kirchen und Kriegerdenkmäler überall.

Immer hab ich allen beinahe stolz erzählt, wie bedeutungslos und marginal mein Heimatort für mich ist, wie meine Eltern mich immer vor zu viel Tradition und Vereinsmeierei beschützt haben. Doch als ich die Kinder in To Kill A Mockingbird nachts hinüber zu Boo Radley schleichen sah, hab ich begriffen, wie verzahnt meine heutige Fantasie immer noch mit den ikonischen Orten meiner niederbayerischen Heimat ist, den kilometerlangen Wiesen und Nutzfeldern, den Bahnstrecken ins Nichts, den allgegenwärtigen Mahnmälern eines rigorosen Katholizismus, wo jedes öffentliche Fehlverhalten vom Dorfpfarrer aufs Sündenkonto gebucht wird.

Ich war immer schon ein großer Fan von realistischen Gothic-Geschichten, ob aus dem Viktorianismus, dem Süden Amerikas oder von der verschneiten kanadischen Grenze. Ich hab es geliebt, wie man beliebig am Rad des magischen Realismus herumspielen konnte, ohne jemals die Geschichte unecht werden zu lassen. Mitten in Robert Mulligans Film begriff ich, dass ich ich nun soweit war, meine eigene »Southern Gothic Novel« zu schreiben.

Worum es gehen sollte, war gleich da. Ich hatte sogar schon ein Lied darüber geschrieben.

Der Niedergang lauert an allen Ecken

Du willst dich finden, ich will uns verstecken

Eine Zeit der Wunder kommt

Dunkle Künste regieren

Es hieß Rosalie. Eine erste Liebe als Gegenwehr gegen die Erwachsenenwelt, als Heilung eines zu früh rissig gewordenen Weltbilds. Dass sowas nie funktioniert, dass ein Ende so einer jungen Liebe immer schon lauert wie eine radioaktive Wolke, aus der es gleich die Becquerel regnet, drückte bestens die Stimmung aus, die ich selbst 1986, im Tschernobyl-Jahr empfand. Ich misstraute jedem über 16, fühlte mich in einer Tour beobachtet und wollte nur zwei Dinge. Eine interessante und schöne Freundin und weg aus dieser Tristesse.

Konstantin im Roman gelingt das viel besser, als es mir damals gelang. Er findet mit Rosalie eine moderne Frau, die trotz ihrer bloß vierzehn Jahre ihrer Zeit und diesem gottüberlassenen Ort weit voraus ist. Die Versuchsanordnung lautet: Rosalie will sich integrieren, rotiert hinein in den Ort und Konstantin – mit nur noch einem Jahr bis zum Abi  – zwanghaft hinaus. Aber es scheint trotzdem alles gut zu werden, denn die beiden sind wirklich bis über beide Ohren verliebt.

Was kann man nur tun, um sie gegeneinander aufzuwiegeln? Die Zierdecke von ihrem Ort nehmen. Praam auf den Leib rücken, so wie Gregory Peck als Atticus seiner Kleinstadt in Alabama auf den Leib rückt.  Wie er ob ihrer Rücksichtslosigkeit und ihres Rassismus den Gerichtssaal zur prägenden Sehenswürdigkeit macht. Die prägende Sehenswürdigkeit in Praam ist das Wasserschloss, denn hier hängt das schlechte Gewissen des Orts am Dachbalken mit einem Strick um den Hals und fängt an zu schwingen, als Rosa und Konstantin im Dunkeln gegen ihn stolpern. Und diese Schwingungen und ein paar wenige Wörter reißen ganze Stadtviertel auf, ums im Thomas Bernhard-Duktus zu sagen.

Denn jetzt reiben sich Rosalie und Konstantin nicht nur an der geistigen Schwerfälligkeit eines vergessenen Landstrichs auf, sondern an der vergessenen Geschichte eines Massenmords, der die Kontraste in Praam bis zur Unerträglichkeit verschärft. Ein vertuschtes und verschlamptes NS-Verbrechen, das sich übrigens beinahe genauso in einem der Nachbarorte zugetragen hat. Die Nachforschungen dazu (die von mir anverwandten Historikern und der örtlichen SPD vorgenommen wurde) habe ich mehr oder minder versehentlich vor ein paar Jahren angestoßen, nachdem ich bei einer Recherche über Nazi-Erziehungsheime auf einer Website die Karte unserer Umgebung entdeckte, meinen Vater anrief und fragte, ob er was weiß. Das war der erste Dominostein, und bis heute fallen noch ein paar vereinzelte deswegen um.

»Rosalie« ist neben einer Liebesgeschichte auch als Neubewertung meiner Heimat zu verstehen. Wo vorher ein klein wenig revanchistisch angehauchte Gleichgültigkeit war, ist jetzt Liebe und Schrecken. Es ist in jedem Fall eine Absage an jede Form von Nostalgie, auch wenn das gnadenlos klingt. Denn grade die Nostalgie bringt die Menschheit zur größten Weißglut und in größte Schwierigkeiten.