Karl Wolfgang Flender (»Helden der Nacht«) im Interview

03.09.2018
Karl Wolfgang Flender (»Helden der Nacht«) im Interview

Am 20. August erschien Karl Wolfgang Flenders zweiter Roman bei DuMont. Im Gespräch mit unserer Lektorats-Kollegin Angela Tsakiris verriet er mehr über die Hintergründe seiner »Helden der Nacht«.

Nach ›Greenwash, Inc.‹, das mit der Öko-Marketing-Industrie und unserem Biokonsum ein sehr gegenwartsbezogenes Thema hatte, führt Dein neuer Roman ›Helden der Nacht‹ in die Welt der Detektive. Klingt erstmal Retro. Wie kam es zur Wahl dieser ›Branche‹? Was hat der Detektiv mit uns heute zu tun?

›Helden der Nacht‹ lässt die alten Hardboiled- und Noir-Detektive auf eine digitalisierte Gegenwart prallen: Der klassische Detektiv ist ja darauf angewiesen, schmutzige Geheimnisse herauszufinden – er fährt durch dunkle Straßen, verfolgt Verdächtige, macht Fotos durch beschlagene Fensterscheiben. Mit der Vernetzung und Überwachung, die das Digitale trotz aller Vorzüge mit sich bringt, liegt kaum noch etwas im Verborgenen. Jeder Klick wird aufgezeichnet, die Menschen kann man per Smartphone orten, den sozialen Medien werden die intimsten Dinge anvertraut. Die Welt und die Menschen werden Stück für Stück entzaubert. Woran könnte man diese Entwicklung besser beschreiben als am Beruf des Detektivs, der ja von der Aufdeckung von Geheimnissen lebt? Sein Beruf stirbt aus. Und diesen Wandel kriegt der Nachwuchsdetektiv Bryan Auster am eigenen Leib zu spüren. Er sagt einmal: Wozu braucht man noch Detektive mit Fingerabdruckpulver, wenn die Leute heutzutage schon ihrem iPhone freiwillig den Fingerabdruck geben, um es zu entsperren? ›Helden der Nacht‹ ist also ein sehr gegenwärtiges Buch, das den Detektivroman für die Gegenwart aktualisiert.

In ›Helden der Nacht‹ lernen wir zwei literarische Figuren kennen, deren Geschichten miteinander verwoben sind: Bryan, Langzeitstudent mit einer Vorliebe für Gras, Träumer; und Colleen, Kriminalkommissarin, verheiratet, reichlich desillusioniert. Beide sind auf den ersten Blick recht unterschiedlich, was zeichnet sie jeweils aus? Ist es Dir bei irgendeiner Figur leichter gefallen, Dich ihr zu nähern, sie zu erzählen?

Bei Colleen hat der Sound sofort gepasst: Sie ist eine ziemlich coole Sau, eine starke Frau mit einem analytischen Blick, einem Schuss Zynismus und viel Ermittlertalent. Aber sie lebt in einer falschen Welt und leidet darunter: Während sich all ihre Kollegen benehmen wie in einem schlechten Tatort, ist Colleen eine unkonventionelle Ermittlerin, die sich an keine Regeln hält, dauernd zu spät kommt und ihre Arbeitsausrüstung vergisst. Damit ist Colleen natürlich auch eine bekannte Figur im Kriminalgenre (›die Widerspenstige‹), aber gerade das hat sie erkannt und regt sie tierisch auf, sie reflektiert diese Polizeiklischees in unzähligen Gedankenkaskaden und Bandwurmsätzen, die viel Spaß beim Schreiben gemacht haben – und hoffentlich auch beim Lesen. Bryan dagegen lebt in der alten Welt der Noir-Filme und Hardboiled-Romane, ist aber selbst ein Lappen. Er kann seinen Ansprüchen an sich selbst nicht gerecht werden. Er versucht so zu handeln wie ein  ›richtiger‹ Detektiv – und macht damit alles falsch. Er erzählt seine Geschichte etwas langsamer und schlittert endlich doch noch in einen echten Fall hinein, das Tempo erhöht sich immer mehr – und man erfährt schließlich, was er mit der ermordeten Frau zu tun hat, die Colleen am Anfang findet.

Im Verlauf des Buches treffen Bryan und Colleen aufeinander, und sie kommen gemeinsam einer Verschwörung auf die Spur, die sie mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Das fällt ihnen nicht ganz leicht – einerseits weil sie auf den ersten Blick nicht unbedingt das Perfect-Ermittler-Match sind, andererseits haben sie auch ziemlich mit sich selbst zu kämpfen. Stehen Sie sich selbst manchmal im Weg?

Beide Figuren stolpern am Anfang des Romans durchs Leben, beide sind unzufrieden und wissen, dass es so eigentlich nicht mehr weitergehen kann – aber irgendwie sind sie gefangen in ihren jeweiligen Welten, in denen sie relativ ziel- und planlos herumermitteln. Auf dem Höhepunkt kommen beide Figuren zusammen, und ihre Welten krachen aufeinander, und beide erzählen den Roman gemeinsam zu Ende. In diesem Moment, auf den der ganze Text zuläuft und sich beide Welten vermischen, erkennen beide, was ihnen die ganze Zeit gefehlt hat – die beiden sind sozusagen jeweils die fehlende Hälfte des anderen: Colleen kann einen Schuss Träumerei und Idealismus gebrauchen, Bryan ein bisschen Nähe zur Realität und was Handfestes im Leben. Am Ende ist es also doch ein ›perfect match‹.

Es gibt gebrochene Ermittler in Deinem Roman, es gibt Morde, Motive, Verdächtige, Observationen, Action. All diese Konventionen des Genres werden dann allerdings ziemlich auf den Kopf gestellt, und das macht beim Lesen großen Spaß. Wie war das für Dich beim Schreiben des Romans?

Es ist schon eine Herausforderung, die literarischen Strukturen, die ein Genre vorgibt, für das eigene Vorhaben zu formen, wenn man keinen ›klassischen‹ Detektivroman schreiben will. Es ist ein Spiel mit dem Gerüst und den Vorgaben, die man immer wieder aufnehmen kann, ironisieren, drehen, brechen (›Leiche auf Seite eins‹, ›alle hundert Seiten ein Mord‹). Ich bin aber noch einen Schritt über diese Anspielungen hinausgegangen: Ich lasse ja auch Figuren aus klassischen Detektivromanen auftreten, die der Amateurdetektiv Bryan in seiner heillosen Überforderung zur Verstärkung herbeiruft, den greisen Mahlow zum Beispiel. ›Helden der Nacht‹ ist also in gewisser Weise auch ein Remix: die Klassiker greifen direkt in die Geschichte mit ein, oft auf ziemlich witzige Weise. Aber die Welt ist ja schon noir genug, da braucht man schon ein bisschen Humor…

Wie hat sich die Recherche für das Buch gestaltet? Den Überdruss bei nächtelangen Observationen konntest Du jedenfalls ziemlich gut spürbar machen …

Den einen oder anderen Film-Noir-Marathon habe ich schon unternommen, auch die ›Verfolgungsjagd‹ auf der Autobahn ist wirklich passiert – nur waren wir die Verfolgten. Als ›Recherche‹ fürs erste Kapitel habe ich aber tatsächlich eine Nacht im Auto verbracht und die Straße beobachtet. Wirklich todlangweilig. Mit Energy Drinks, Fastfood, dem vollen Programm. Wenn man dann seinen Platz nicht verlassen darf, stellen sich wirklich die basalen Fragen des Detektivalltags. Aber eine leere Flasche unterm Sitz, wie die Fahrer der Mafia, war mir dann doch ein bisschen too much.

Bei allem Geschichtsbewusstsein und Umgang mit literarischen Traditionen ist ›Helden der Nacht‹ ein Roman unserer Zeit; Themen wie der Einfluss der Digitalisierung, Verschwörungstheorien, das Erstarken rechter Tendenzen werden verhandelt. Was war Dir dabei besonders wichtig?

Die Gegenwart ist immer das, was mich beim Schreiben interessiert: Was passiert mit unserer Welt, und wie kann man durch Literatur einen Zugriff darauf bekommen? Wie kann man durchs Schreiben und Lesen besser verstehen, was um einen herum geschieht? Deshalb ist das Genre-Spiel eher ein Mittel zum Zweck: Es bietet einen formalen Rahmen, in dem man die Differenz der Gegenwart zur ›alten Welt‹ beschreiben kann. Was ändert sich? Was hat das für Effekte auf unser Leben? Man könnte ›Helden der Nacht‹ genauso gut als Verschwörungstheorie-Roman beschreiben, der in Plot und Erzählweise immer wieder die Frage aufwirft: Was ist real? Was ist erfunden? Und wenn sich zwei Sichtweisen widersprechen: Wer bestimmt, was die Wahrheit ist? Das hat dann sehr viel mit der erlebten Gegenwart zu tun. Insofern führt ›Helden der Nacht‹ auch das kritische Projekt meines ersten Romans ›Greenwash, Inc.‹ weiter.

Gab es Ideen, die von der Realität eingeholt wurden? Z.B. Apps, die dann schon auf dem Markt waren und die Du deswegen umschreiben musstest? Hast du die Start-up-Szene, das Launchen neuer Apps etc. intensiv verfolgt während der Arbeit am Roman?

Ich verfolge die Startup-Szene seit längerer Zeit und auch die unzähligen Apps, die auf den Markt kommen und wieder verschwinden. Jeder Idiot scheint ja eine Idee für irgendwelche absurden Apps zu haben und auch eine Anschub-Finanzierung dafür zu bekommen, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Diese Kultur parodiere ich im Roman und habe mir für den großen Startup-Inkubator Valhalla Capital, der es sich zur Aufgabe macht, ›1000 Apps in 1000 Tagen‹ auf den Markt zu werfen, ebenfalls ein paar Apps ausgedacht. Die auch noch eine wichtige Rolle in der Verschwörung spielen, der Bryan auf die Schliche kommt … In der letzten Lektoratsrunde habe ich nochmal die Namen all meiner erfundenen Apps gecheckt — und gesehen, dass tatsächlich gerade eine App mit einem der erfundenen Namen auf den Markt gekommen war. Zufall? Zeitgeist?

Auch wenn das Handlungssetting  keine übergeordnete Rolle spielt, wird Berlin als Ort des Geschehens immer wieder greifbar. Du lebst selbst seit längerem in Berlin. Inwiefern hat Dich die Wahrnehmung Deines eigenen Kiezes dort beeinflusst?

Bryan wohnt tatsächlich nur ein paar Ecken entfernt von mir, wir laufen also durch dieselben Straßen, wir sehen dieselben Dinge: die sich verändernde Stadt, überall Craft-Beer-Kneipen und Boutiquen, um die Ecke soll der Google Campus entstehen, wogegen es Proteste gibt, Zalando will sich angeblich auch irgendwo einkaufen – Bryans Gefühl, dass die kleine Detektivklitsche seines Vaters der letzte ›echte‹ Ort im Kiez ist, der nun auch noch verschwinden soll, ist also durchaus von eigenen Beobachtungen beeinflusst.

Letztlich geht es in Deinem Roman auch oder vor allem um die Frage, wie wir leben wollen. Was machen wir mit einer Welt, die immer transparenter wird – flüchten wir uns in nostalgische Fantasien oder eben nach vorn in den technologischen Fortschritt; oder ginge es auch irgendwie ohne Flucht? Hast Du persönlich eine Antwort darauf? Vielleicht gibt Dein Uralt-Handy, das die Entstehung dieses Buches während des Lektoratsprozesses nicht nur einmal sabotiert hat, einen Hinweis …

Leider habe ich keine Lösung dafür – der Roman ›Helden der Nacht‹ ist die Frage und meine Suche nach einer Antwort zugleich. Es gibt kein Zurück, aber wohin geht die Reise? Ich bin überhaupt kein Gegner digitaler Medien, im Gegenteil, aber wichtig ist ein bewusster Umgang mit ihnen. Die intuitiven Benutzeroberflächen der Apps und ihre praktischen Funktionen machen es leicht zu vergessen, dass die Auswertung jedes Klick, jeder Suchanfragen und jeder GPS-Ortung ökonomischen und politischen Interessen folgt. Viele sagen: ›Ich habe doch nichts zu verbergen, wen interessiert schon, was ich bei Amazon bestelle?‹ Ein Blick nach China zeigt, dass dort jetzt all diese Dinge in ein Punktesystem einfließen, um jeden Bürger bewerten zu können. Einwand: ›Aber du kannst doch nicht einen totalitären Staat mit Deutschland vergleichen.‹ Tatsache ist, dass es schon so weit ist: Nur, dass es hier kein Staat ist, sondern internationale Konzerne. – ›Aber es ist doch so schön praktisch …‹ Insofern kann ich mit meinem Uralt-Handy auch nicht viel ausrichten, weil es eine gesamtgesellschaftliche Frage ist, die ›Helden der Nacht‹ stellt: Was man durch die Nutzung einer Technologie gewinnt und was man verliert – das Geheimnis zum Beispiel – und ob wir bereit sind, dieses Geschäft einzugehen.

Die Fragen stellte unsere Kollegin Angela Tsakiris. / / Foto: (c) Birte Filmer