Interview mit Yaa Gyasi zu »Heimkehren«

22.08.2017
Interview mit Yaa Gyasi zu »Heimkehren«

Yaa Gyasis Debütroman »Heimkehren« ist ein erstaunliches, ein episches Werk, das sich mit den Spuren der Sklaverei beschäftigt. Mit deren Altlasten, die das Leben von Generationen von Menschen in Ghana und in den USA bis heute beeinflussen. Für das Buch erhielt die Autorin eine siebenstellige Vorschusssumme in den USA. Der Roman wurde als »hypnotisch « und »brillant«, seine 26-jährige Autorin als »inspirierend « und »begabt« bezeichnet.

 

 Warum zieht sich Ihre Geschichte über mehrere Generationen?

2009, nach der Besichtigung einer Festung namens Cape Coast Castle in Ghana, in der einst Sklaven eingekerkert wurden, habe ich angefangen, Heimkehren zu schreiben. Der Touristenführer erzählte uns, britische Soldaten, die damals in der Festung lebten und arbeiteten, hätten nicht selten einheimische Frauen geheiratet – das hörte ich zum ersten Mal. Ich wollte zwei Frauen nebeneinander stellen: die Ehefrau eines Soldaten und eine Sklavin. Zuerst dachte ich, der Roman würde traditionell aufgebaut sein und von der Gegenwart aus in die Vergangenheit des 18. Jahrhunderts springen. Doch je länger ich daran arbeitete, desto mehr reizte es mich, der Zeit dabei zuzusehen, wie sie vergeht, und die Auswirkungen von Sklaverei und Kolonialismus zu beobachten. Ich wollte die Struktur des Ganzen sehen.

Welche Wirkung hatten die Kerker auf Sie?

Ich war erschüttert. Ich empfand eine unbändige Wut. Diese Verliese stanken noch immer – und das nach Hunderten von Jahren. An den Wänden befand sich Ruß, und es gab nur ein kleines Luftloch in der Decke. Wenn die Tür geschlossen war, war es stockdunkel in dem Raum. Hunderte von Menschen wurden dort bis zu drei Monate festgehalten, bevor sie Gott weiß wohin geschickt wurden. Das Grauen, das sie empfunden haben müssen – nicht zu wissen, was mit ihnen passieren würde … Man kann versuchen, es sich vorzustellen, aber eigentlich geht das gar nicht. Das Thema Sklaverei brachte hervorragende Werke wie Toni Morrisons Roman »Menschenkind« oder auch Steve McQueens Film »12 Years a Slave« hervor … Und allein in diesem Jahr sind in den USA »The Underground Railroad« von Colson Whitehead und »Grace« von Natasha Deón erschienen. Sklaverei ist etwas, das wir noch nicht verarbeitet haben, sie ist immer noch in den Köpfen der Menschen. Sie beeinflusst uns noch immer.

Ihr Roman wirft interessante Fragen zum Thema Identität auf – wie wurde Ihre Identität durch Ort, Lebensumstände und Abstammung beeinflusst?

Orte haben mich sehr beeinflusst. Ich bin in Ghana geboren, in Amerika aufgewachsen und lebte in Ohio, Illinois, Tennessee und Alabama. Ich habe Englische Literatur und Kreatives Schreiben in Stanford und Iowa studiert. So viele Menschen in den Staaten wachsen an einem Ort auf und lassen sich später dort auch nieder. Während der diesjährigen Präsidentschaftswahl war es interessant, zu beobachten, wie enorm unterschiedlich die Regionen in den USA doch sind und wie sie die Ansichten der Menschen beeinflussen. Weil ich ja selbst viel umgezogen bin, fand ich das sehr spannend.

Und welche Wirkung haben Lebensumstände auf Sie?

Mein Vater ist Professor für französisch-afrikanische Literatur. Meine Mutter ist Krankenschwester. Hätten sich meine Eltern nicht entschlossen, nach Amerika auszuwandern, wäre mein Leben ein komplett anderes gewesen. Schon als Kind wehrte ich mich dagegen, dass die Begriffe »schwarz« oder »afro-amerikanisch« eine bestimmte kulturelle Identität erzeugten, die sich von der meinigen als Einwanderin unterscheiden sollte. Ich fand es schwierig, mich auf die richtige Art und Weise schwarz zu fühlen. Je älter ich wurde, desto mehr begriff ich, dass es dafür keinen richtigen Weg gibt, dass alles, was ich tue und bin auch als schwarz bezeichnet werden darf. Es hat lange gedauert, bis ich das erkannt habe … Das Wort »schwarz« scheint alles zu generalisieren.

Und Ihre Abstammung?

Wir werden stärker, als wir annehmen, von unseren Genen geformt. Kann ein Trauma von Anfang an der DNA eines Menschen eingeschrieben sein? Ich glaube, Traumata sind erblich.

Verändert sich das Leid schwarzer Menschen von Generation zu Generation?

Das Leid verändert sich und bleibt dasselbe. In Amerika wurde das Schlimmste nie überwunden, kehrte vielmehr in neuer Gestalt zurück. Das war etwas, das ich in meinem Roman nachzeichnen wollte – den Pfad des neu erschaffenen Traumas. Von Anfang an ist die Geschichte Amerikas eng verknüpft mit der ständigen Suche nach neuen Wegen, schwarze Menschen unterjochen zu können. In der momentanen Übergangszeit nach der Wahl und in Erwartung der Amtsübernahme durch Donald Trump fragt man sich nun, was für eine neue Hölle über uns hereinbrechen wird.

Sind Sie religiös?

Ich würde mich nicht als religiös bezeichnen, obwohl ich in einer Pfingstgemeinde im Süden der USA zu einer evangelikalen Christin erzogen wurde – eine ungewöhnliche und schwierige Situation. Doch mein Vater pflegte mir in der Kirche mir zuzuflüstern: »Wären die Briten nicht nach Ghana gekommen, wer weiß, ob wir heute überhaupt hier in der Kirche säßen.« Religion war für mich also seit jeher etwas, das vom Kolonialismus geprägt war.

Fühlen Sie sich als Überlebende schuldig?

Ava DuVernay, die afro-amerikanische Regisseurin, trug einmal ein T-Shirt, auf dem stand: »I am my ancestors’ wildest dreams.« Also ja, dieses Gefühl gibt es schon. Wie viele Hunderttausende Schwarze in diesem Land mussten sterben, damit Ava DuVernay in diesem Regiestuhl Platz nehmen konnte?

Gibt es gute Geschichtenerzähler in Ihrer Familie?

Ja sehr viele, angefangen bei meinen Eltern, die auf Partys grandiose Geschichten erzählten – es gibt generell einen Hang zum Reden und Erzählen unter den Westafrikanern. Sie lieben es, ausufernde, sprichwörtliche Erzählungen zum Besten zu geben. Ich bin eine schüchterne Person. Ich bevorzuge es, Dinge niederzuschreiben anstatt sie zu erzählen. Je näher ich mir selbst und der Wahrheit komme, desto weniger unbehaglich fühle ich mich damit.

In Ihrem Buch rät ein Geschichtslehrer dazu, auf die leisen Stimmen zu hören. Ist es das, was Sie tun? In Heimkehren geht es vor allem darum, Stimmen weiterzutragen. Hatten Sie das Gefühl, dorthin zu gehören, als Sie nach Ghana zurückkehrten?

Das Gefühl hat zwei Seiten – man gehört dazu, und man tut es nicht. Ich erinnere mich daran, dass der ghanaische Ausweiskontrolleur meinen Namen korrekt vorlas, und das fühlte sich für mich schon wie die größte, herzlichste Begrüßung an. Gleichzeitig verstehe ich meine Muttersprache zwar, spreche sie jedoch nicht. Also bin ich zwangsläufig in einer Außenseiterposition – das Land kann so nie ganz meines sein.

Und wie fühlt sich das für Sie an?

Als ich jung war, war mir bange bei der Vorstellung, dass all diese Dinge mit mir aufhören. Wenn ich einmal Kinder habe, werde ich wahrscheinlich nicht in der Lage sein, ihnen die Sprache oder das Kochen einheimischer Gerichte beizubringen. Später begriff ich, dass ich die Möglichkeit habe, diese neue Identität, die eben vielschichtiger ist und zweigeteilt, zu gestalten.

Wo ist »Zuhause« für Sie?

Das ist eine komplizierte Frage. Zuhause, das ist für mich im Moment Oakland, Kalifornien. Aber seit vielen Jahren weiß ich, dass »Zuhause« für mich niemals ein bestimmter Ort sein kann. Es ist etwas, das man in sich selbst trägt, ähnlich wie bei den Menschen, besonders den afro-amerikanischen, die ihrer Heimat entrissen wurden und noch immer die Verbindung zu ihrem Land spüren. Zuhause, das ist dieses kleine Licht, das man in sich trägt, ganz gleich, wohin man geht.

Nachdem Sie einen so ambitionierten Roman abgeschlossen haben, könnte ich mir vorstellen, dass Sie sich erst einmal eine Pause gönnen. Oder arbeiten Sie bereits an einem zweiten Buch?

Ich hoffe, einen weiteren Roman zu schreiben, bin aber im Moment komplett mit der Pressearbeit für mein aktuelles Buch beschäftigt. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas tue. Ich musste erst einmal wieder lernen, still zu sitzen, ruhig zu sein – und Fragen zu beantworten.

Kate Kellaway, Interview mit Yaa Gyasi In: The Guardian, 8. Januar 2017