Interview mit John von Düffel

03.04.2017
Interview mit John von Düffel

Die Schwimmfreunde unter den Lesern werden ihr Lieblingselement in Ihrem neuen Roman vergeblich suchen. ›Klassenbuch‹ ist überraschend Wasser-abstinent. Ein Kurswechsel?

Wasser kommt auch in diesem Buch vor, hier und da, aber in Maßen, zumindest für meine Verhältnisse. Aber ich bin und bleibe ein Eintaucher. Auch wenn ich nicht übers Wasser schreibe, suche ich den Sog, die Immersion, die Vertiefung in Welten, die bei aller Faszination etwas Unheimliches und Gefährliches haben. Im Fall von ›Klassenbuch‹ ist es die virtuelle Welt und die Frage, inwieweit sie die Realität schon erfasst hat. »Wenn alles möglich ist, ist nichts wirklich«, lautet der Wahlspruch einer der Figuren.

Die digitale Welt war bisher nicht gerade Ihr Spezialgebiet ...

Das ist wahr. Und ich habe auch keineswegs den Ehrgeiz, mit den »digital natives« oder IT-Spezialisten zu konkurrieren. Die Möglichkeiten des Digitalen interessieren mich vor allem als Fiktion. Insofern ist ›Klassenbuch‹ von einem Sachbuch zu dem Thema Lichtjahre entfernt. Was ich darin gesucht habe, ist im Grunde etwas ganz Altes. Seit es Romane gibt, wissen wir, dass wir nicht nur in der Wirklichkeit leben, sondern auch in unseren Möglichkeiten, in der Fiktion des »Was wäre, wenn ...« Die Bilder und Vorstellungen, die wir uns von uns machen, gehören zum Leben dazu. Und diese Fiktion, wer wir sind oder sein könnten, hat sich radikal verändert. Diese Seite der sogenannten digitalen Revolution interessiert mich: Was macht sie mit unseren Köpfen, und inwieweit ist die Vorstellung und Darstellung unserer selbst dadurch ein völlig neues Spiel geworden? Ein Spiel mit unzähligen möglichen Identitäten und ebenso vielen Gefahren, verloren zu gehen ...

Sind Sie ein Spieler?

Ich glaube, jeder Autor muss das sein. Schreiben hat etwas Obsessives, eine Mischung von Begeisterung und Besessenheit. Was mich bei der Arbeit an ›Klassenbuch‹ am meisten gereizt hat, ist die Suche nach einer Sprache für die Bilderwelten und Wahrnehmungsweisen, die mit unserer Virtualisierung einhergehen. Insofern ist der Antrieb zu diesem Buch auch kein »kulturpessimistischer«, sondern ein entdeckerischer, spielerischer. Bei aller Kritik an dem Medium – ich kann die Sucht nicht nur nachvollziehen, ich bin ihr bis ins Letzte gefolgt.

Ihre Figuren sind allerdings wesentlich jünger als Sie ...

Das gehört zum Spiel dazu, dass man sich von sich selbst entfernt und ein anderer wird, um herauszufinden, wie weit man gehen kann. Die Extreme – und das gilt auch für die Beziehung zwischen Figur und Autor – berühren sich.

Und warum gerade die Generation von Jugendlichen, die noch zur Schule gehen?

Die Frage ist berechtigt! In der Literatur – und auch in meiner eigenen Arbeit – ist dieses Lebensalter oft ein blinder Fleck. Über Kindheit lässt sich weidlich schreiben, desgleichen über die Kämpfe und Krisen der Erwachsenenwelt. Aber die »Pubertierenden« scheinen nicht nur im Leben sehr verschlossen. Deshalb war es für mich eine Herausforderung, in ihre Köpfe und Körper einzusteigen. Ich glaube, dass diese Generation gerade mehr durchmacht als eine normale Pubertät. Die Frage, wer bin ich, stellt sich anders, je nach dem, ob man – wie ich früher – drei, vier mögliche Selbstbilder vor Augen hat, oder über unzählige Masken und Versionen von sich verfügt. Pubertät wird zur Virtualität, zur permanenten Möglichkeit der Verwandlung und Verflüchtigung.

Wie haben Sie sich dieser Generation, ihren Schul- und sonstigen Problemen genähert?

›Klassenbuch‹ ist kein Schulroman und auch kein Jugendbuch. Mich hat die Abbildung der Oberflächen und die Wiedergabe eines Jugend-Jargons nicht interessiert, zum einen, weil es mir anbiedernd vorkäme zu behaupten, »Ich weiß, wie ihr redet, ich bin ganz nah an euch dran«, zum anderen weil die äußere Ähnlichkeit den Blick auf das Wesentliche verstellt. Wenn ich von diesem Alter etwas weiß, dann das: Es ist eine Zeit der Isolation. Dass es untereinander ganz viel um Zugehörigkeit, um Cliquen und Kommunikation geht, ist das Symptom dafür. Es geht, wie so oft, um das, was fehlt.

Entfernen Sie sich damit sprachlich nicht sehr weit von der Lebensrealität Ihrer Charaktere?

Ist die Frage nicht vielmehr: Wie schaut man auf diese Realität? Es ist eine Art Lesegewohnheit, dass wir auf Jugendliche eine Problemperspektive haben. In vielen Jugendbüchern ist der Autor hauptamtlich als Sozialpädagoge am Werk, spricht Nöte an, zeigt Verständnis, bietet Lebenshilfe an. Diese quasi-therapeutische Grundhaltung des Sich-Drüberbeugens über die Probleme Jugendlicher geht mir, offengestanden, ab. Was ich im täglichen Umgang und oft auch Nahkampf mit dieser »Zielgruppe« erlebe, ist eher, dass es keine homogene, hormonell gleichgeschaltete Gruppe ist. Ich sehe nicht nur eine große Unterschiedlichkeit und Gebrochenheit, sondern eine »Ungleichzeitigkeit«. Und das versuche ich mit den neun Figuren in ›Klassenbuch‹ zu beschreiben: dass sie in ganz verschiedenen Welten und Zeiten leben, zugleich jung und alt sind, verletzlich und abgebrüht, hellwach und todmüde. Und das nicht nur in sich, sondern auch im Verhältnis zu den älteren Generationen. Die digitale Revolution wirkt in dieser Hinsicht wie eine Zeit- und Machtverschiebung. Alter bedeutet nicht mehr Überlegenheit. Im Gegenteil, die meisten Jugendlichen sind ihren Eltern weit voraus. Auf die digitale Welt bezogen sind sie diejenigen, die wissen, wo es langgeht, und die Spielregeln kennen.

Kann es denn zwischen einem »digital native« und einem analog sozialisierten Schriftsteller Ihrer Generation überhaupt eine Verständigung geben?

In der Spielewirklichkeit der digitalen Welt bin ich heillos abgehängt. Aber der Roman ist über gewisse Strecken ein Sprachspiel mit dieser Welt, und als Autor habe ich eine gewisse Expertise in Sachen »multiple Identität« und eine Affinität zu ihren Verführungen. Insofern ist es mir beim Schreiben und dem Spiel mit den Möglichkeiten manchmal so gegangen wie dem Jungen im Buch, der die Kontrolle über sein Smartphone verloren hat und feststellen muss: »meine Identität macht, was sie will.«