Hilary Mantel im Interview

20.04.2016
Hilary Mantel im Interview

Frau Mantel, die Originalausgabe von »Jeder Tag ist Muttertag« erschien bereits 1985 und gilt heute als Frühwerk. Wie fühlt es sich für Sie an, dass der Roman jetzt noch mal auf Deutsch erscheint?

Ich freue mich, dass der Roman weiterlebt. Er war mein erstes Buch, das veröffentlicht wurde, aber nicht das erste, das ich geschrieben habe. 1980 konnte ich keinen Verleger von meinem großen Roman über die Französische Revolution überzeugen, also fragte ich mich, was ich als nächstes tun sollte. Es schien mir eine gute Idee, etwas völlig anderes zu schreiben: kurz, zeitgenössisch, mit einem ganz anderen Ton. Ich habe mich dann an meine Erfahrungen in der Abteilung für Sozialarbeit in einem Krankenhaus im Norden von England zurückerinnert, die bereits ein paar Jahre zurücklagen. Ich hatte bestimme Erlebnisse und Vorstellungen im Kopf, die mir zu Hilfe kamen. Außerdem interessierte ich mich schon lange für Psychologie, besonders für die Individualpsychologie von Personen wie meiner Hauptfigur, Muriel, die zu der Sorte Mensch gehört, die nicht verrückt oder hirngeschädigt ist, aber doch in einem schiefen Winkel zu den Mitmenschen steht, mit einer anderen Beziehung zur Sprache und vielleicht einer anderen Grundvorstellung von Ursache und Wirkung. Muriel ist in mancherlei Hinsicht ein mythisches Monster, andererseits sind ihre Charaktereigenschaften aber auch grundsolide und real.

Können Sie sich mit dem Text noch identifizieren?

Wenn ich auf alles, was ich je geschrieben habe, zurückblicke – sogar auf das, was ich letzte Woche geschrieben habe – sehe ich unweigerlich Dinge, die ich anders machen würde. Aber nach einem mich anfänglich überkommenden Zweifel erkenne ich auch, dass ich eine Menge Spaß beim Schreiben von Jeder Tag ist Muttertag hatte. Ich hatte nie eine Fortsetzung geplant, aber kurz darauf entschied ich mich, zu Muriel zurückzukehren, um zu sehen, wie ihr Leben zehn Jahre später aussehen würde. Das bescherte mir mein zweites Buch »Im Vollbesitz des eigenen Wahns«.

Im Zentrum des Romans steht eine Mutter-Tochter-Beziehung. Wie prägend sind Mütter für ihre Töchter? Und welche Rolle spielen dabei die von ihnen beschriebenen Konkurrenzmuster?

Ich finde nicht, dass die Beziehung zwischen Evelyn und Muriel als ein wirkliches Abbild einer Mutter-Tochter-Beziehung gesehen werden sollte. Das Buch ist purer schwarzer Humor und alles ist überspitzt. Sie sind beide Monster, auf unterschiedliche Art und Weise, die zusammen eingesperrt sind. Aber sie zeigen typische Muster in der Mutter-Tochter-Interaktion, wenn auch auf einer unterhaltenden Ebene. Evelyn versucht Muriel zu kontrollieren und sagt, es ginge dabei bloß um ihr eigenes Wohl. Muriel ist passiv aggressiv. Sie schreibt Evelyn Kräfte zu, die diese nicht wirklich besitzt. Sie weiß nichts über das frühere Leben ihrer Mutter oder warum sie so geworden ist, wie sie ist. Sie bringen das Schlimmste im jeweils anderen hervor.

Die Tochter, Muriel, ist auf einmal schwanger, obwohl sie anscheinend überall unter Aufsicht steht und keine sozialen Kontakte pflegt. Eine Anspielung auf die Jungfrau Maria?

Nein.

Die Sozialarbeiter spielen in ihrem Buch eine eher unglückliche Rolle. Wie erleben Sie das Sozialsystem in Großbritannien heute?

Ich finde, dass sich Sozialarbeiter heutzutage immer noch in einer ausweglosen Lage befinden. Wenn eine schwierige Situation innerhalb einer Familie in die Nachrichten kommt – normalerweise auf Grund von Gewalt, häufig Gewalt gegenüber dem Kind – neigt die Presse dazu, alle involvierten Sozialarbeiter zu beschuldigen. Ihnen wird vorgeworfen, zu wenig unternommen zu haben. Aber wenn sie ein Kind aus der Familie nehmen, um genau so einer Situation vorzubeugen, werden sie beschuldigt, sich in das Familienleben einzumischen. Die Sozialarbeiter in meinem Buch sind überlastet, verfügen über unzureichende Mittel, sind von ihrem eigenen privaten Leben abgelenkt – sie sind auch nur Menschen – und insbesondere Isobel zweifelt stark an dem Wert ihrer Arbeit. In der Zeit, in der ich den Roman verfasst habe, war das eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe, und die ist es auch heute noch. »Jeder Tag ist Muttertag« ist eine schwarze Komödie.

Aus deutscher Sicht pflegen die Briten einen eher bösartigen Humor und umgekehrt gelten die Deutschen gemeinhin als humorlos? Haben Sie da bei Lesungen einen Unterschied feststellen können? Haben Sie negative Reaktionen auf ihre »inkorrekte« Schreibweise in Deutschland bekommen?

Es stimmt, dass sich Humor nicht immer leicht vermitteln lässt, und es gibt auch die Möglichkeit, dass etwas missverstanden wird, aber ich hatte immer Glück mit dem Publikum in Deutschland, das ich als sehr aufmerksam und engagiert wahrgenommen habe. Ich erinnere mich gerne an eine Lesung in Frankfurt zurück, bei der ich aus »Eight Months on Ghazzah Street« las, das in Saudi Arabien spielt. Die Passage, die ich vorlas, war teilweise ziemlich spannend und ich bemerkte etwas Wundervolles – ein ganzes Publikum war bis vorne auf die Stuhlkante gerückt.

Der beste Roman kann durch eine schlechte Übersetzung zu einem missglückten Text werden. Haben Sie bedenken, Ihre Texte an einen ausländischen Übersetzter abzugeben?

In einer Übersetzung liegt ja immer auch ein stückweit eine Interpretation. Ich glaube, dass ich Übersetzern ganz schön harte Arbeit aufhalse und ihnen viele Rätsel mit auf den Weg gebe. Ein Grund dafür ist, dass Humor schwer zu übersetzen ist. Außerdem sind einige meiner Bücher in einer unmittelbar zeitgenössischen Sprache geschrieben. Sie bedienen sich einer Form von Zeitsprache, oder einer Sprache, die exzentrisch und ausdrucksstark ist. Seinen Roman jemandem auszuhändigen, um ihn übersetzen zu lassen, ist ein Vertrauensakt. Und normalerweise (wie viele Briten bin ich keine Linguistin) muss man sich auf das Urteil anderer verlassen, um zu wissen, wie gut eine Übersetzung funktioniert. Aber meine Begegnungen mit Übersetzern sind immer interessant und lassen mich viel nachdenken. Die Klarstellungen, die sie erbeten, sind faszinierend und führen dazu, dass Licht auf die Geschichte ihres eigenen Landes geworfen wird, und auch darauf, wie Länder, insbesondere in Europa, übereinander denken. Mit einem guten Übersetzer zusammenzuarbeiten kann dazu führen, dass einem Buch noch einmal ein ganz neues Leben eingehaucht wird; der Autor denkt in neuen Bahnen.