Pulitzer-Preisträger Richard Russo im Interview

01.06.2016
Pulitzer-Preisträger Richard Russo im Interview

Herr Russo, ›Diese gottverdammten Träume‹ gilt als eines Ihrer größten Werke, nicht nur wegen seines Umfangs. 2002 sind Sie für diesen Roman mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Welche Beziehung haben Sie heute zu dem Buch?

›Diese gottverdammten Träume‹ ist etwas ganz Besonderes für mich, was auch an dem Zeitpunkt liegt, zu dem ich diesen Roman geschrieben habe. Ich war gerade mit meiner Familie nach Maine gezogen und meine Töchter waren Jugendliche, die tapfer versuchten, sich in ihre neuen Schulen einzufügen (Emily in die High School, Kate in die Middle School). Das Buch habe ich auch geschrieben, um mit den Ängsten umzugehen, die mich als Vater beschäftigt haben. Es hatte gerade eine Flut von Amokläufen an Schulen in Amerika gegeben und der jüngste, in Kentucky, machte mich ziemlich betroffen, weil der Schütze ein Junge war, der misshandelt und ausgeschlossen worden war; er attackierte jeden, der in seine Nähe kam. Meine Töchter – die Söhne oder Töchter von jedem von uns – hätten Opfer sein können. Das Schreiben des Romans war quasi wie einen Talisman zu erschaffen: Wenn ich davon, wovor ich mich am meisten fürchtete, schriebe, würde es vielleicht nicht im realen Leben geschehen. Es war eine Art von Handel, ein vollkommen irrationaler.

Diese gottverdammten Träume‹ erzählt vom Leben in der Kleinstadt, von den exzentrischen Charakteren, auf die man in der oft krisengeschüttelten Provinz trifft, und von ihren Beziehungen zu- und Abhängigkeiten voneinander. Welche Verbindung haben Sie zu der Kleinstadt als ganz speziellen Mikrokosmos? Und würden Sie gerne mal im Empire Grill Essen gehen?

Für mich ist das Interessante an Kleinstädten immer gewesen, dass sie wie Schmelztiegel funktionieren, sie sind auf eine Art und Weise sehr exemplarisch. An Orten wie Empire Falls kreuzen sich die Pfade der Reichen und Mächtigen (wie Mrs. Whiting) mit denen der von Armut geplagten und Machtlosen (wie John Voss) und ihre Schicksale werden miteinander verflochten. Charles Whiting bildet sich ein, dass er sich von den Menschen, die ihn reich gemacht haben, abgrenzen kann, indem er sein Haus auf der anderen Seite des Flusses baut. In einer griechischen Tragödie würde ihn ein Chor vor der Vergeblichkeit einer solchen Geste warnen, aber das Leben heute ist leider frei von solch konstruktiver Weisheit. Als junger Mann habe ich in verschiedenen Restaurants und Diners wie dem Empire Grill gearbeitet und ich bin nach wie vor sowohl ein Fan simpler und ehrlicher Kost, wie Miles sie serviert, als auch des schickeren Essens, das sein Bruder einführen will. Orte wie der Empire Grill sind auf vielerlei Weise den miesen Fast-Food-Ketten überlegen, von denen die Diners weitgehend verdrängt worden.

Diese gottverdammten Träume‹ erschien 2001 erstmals in Amerika. Ist der Roman nach wie vor aktuell? Hat sich das Kleinstadtleben in Maine seitdem geändert?

Leider ist ›Diese gottverdammten Träume‹ heute vermutlich noch aktueller als zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Amerika ist waffenverrückter als je zuvor. Das Buch wird weiterhin in High Schools behandelt und wurde für die One Book, One City-Lesereihe ausgewählt. Je kontroverser politische Angelegenheiten diskutiert werden – Liberale geben der National Rifle Association (NRA) die Schuld für den Waffenterror, Konservative Hollywood und der Glorifizierung von Gewalt –, desto mehr Menschen verlangen nach einer Erklärung dafür, wie solche Dinge in ihren Städten geschehen können, ihren eigenen Familien. Romane können Erfahrungen, Leben und Tod in Echtzeit vermitteln. Sie sind so viel mehr als diese abstrakten Diskurse von Menschen, die immer nur darauf pochen, die besseren Argumente zu haben. In Romanen werden die Dinge betrachtet, die verbeult in unserem Inneren liegen, die solche Gräueltaten möglich und manchmal unvermeidlich machen, ebenso wie die Liebe, die es uns irgendwie erlaubt, zu überleben.

Ihr Roman ist voll von einzigartigen Charakteren und solchen, die einem merkwürdig vertraut vorkommen: Der Protagonist Miles möchte es jedem recht machen, macht aber die Dinge dadurch nur noch schlimmer. Seine Exfrau hat sich von ihm abgewandt und ist dem Fitnesswahn verfallen. Dann ist da ihre Tochter Tick, die sich mit der High School abmüht und natürlich all die anderen Menschen, die regelmäßig ihre Zeit im Empire Grill totschlagen. Wer ist ihr Lieblingscharakter? Über wen haben Sie am liebsten geschrieben?

So sehr ich Miles schätze – seinen Anstand, seine Hingabe gegenüber seiner Tochter, seine Bemühungen, sich selbst ein Leben zu schaffen, dass seine Mutter gutheißen würde – ist es Tick, seine Tochter, die mir am meisten bedeutet. Wahrscheinlich, weil sie meine Töchter zum Vorbild hat und meiner Angst um ihre Sicherheit ein Gesicht gibt. Tick ist tatsächlich das Resultat nächtlicher Gespräche mit meiner Tochter Kate über eine ihrer Freundinnen (die im Roman „Candace" ist). Beim Abendessen habe ich Kate immer wieder gefragt, was es neues aus Candaces Leben gibt und sie hat ein wenig erzählt. Und später, nach dem Essen, sind wir dann in mein Büro gegangen, um „Candace zu schreiben", indem wir uns an den Zusammenfassungen meiner Tochter langgehangelt und diese mit Details angefüttert haben; wir haben uns ausgemalt, was Candace passiert sein könnte und warum, und wie sie sich dabei gefühlt haben müsste. Am Anfang war das Ganze eine Art Pflicht für Kate, aber binnen kurzer Zeit fing sie an, unsere Sitzungen richtig zu genießen und vermisste sie an den Abenden, an denen wir uns nicht am Computer treffen konnten.

2005 wurde ihr Buch als HBO-Miniserie adaptiert, Sie selbst waren als Drehbuchautor involviert. Wie war es für Sie, Ihren Roman in ein Drehbuch umzuwandeln? Wie fühlte es sich an, wenn die eigenen Charaktere auf dem Bildschirm lebendig werden?

Ich war eher unfreiwillig an der Verfilmung von ›Diese gottverdammten Träume‹ beteiligt, eigentlich dachte ich, dass ein anderer Schriftsteller, einer mit frischem Blick für das Material, dem Projekt guttun würde. Es hat mich mehrere Jahre gekostet, das Buch zu schreiben und ich war nach einer langen Lesereise erschöpft. Ich machte dann doch mit, weil Paul Newman es so wollte (Wie kann man „Nein" zu Paul Newman sagen?) und ich befürchtete, dass das Projekt nicht umgesetzt würde, sofern ich nicht beteiligt war. Der beste Teil an der Sache war tatsächlich, diesen großartigen Schauspielern dabei zusehen und zuhören zu können, wie sie meine Charaktere zum Leben erweckten. Ich war mir nicht sicher, ob Ed Harris der Richtige für die Rolle des Miles war (er war zu schmal und gutaussehend; ich hatte eher an James Gandolfini gedacht), bis ich ihn mit der jungen Schauspielerin sah, die Tick spielte und in der Interaktion der beiden seine Hingabe und die Sorge um ein Kind in dieser gefährlichen Welt erkannte. Helen Hunt hat Miles‘ Frau eine völlig neue, herzzerreißende Dimension verliehen, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt da war. Und Newman? Nun, er beherrschte jede Szene, in der er mitwirkte, so wie Max, seine Figur, jede Szene im Roman. Großen Schauspielern wird oft nachgesagt, Rollen ganz einzunehmen und das tun sie in diesem Fall alle. Ich teile meine Charaktere gerne mit ihnen.

Ihr langerwarteter neuer Roman ›Everybody’s Fool‹ erscheint im Mai in den USA und wird voraussichtlich nächstes Jahr in Deutschland veröffentlicht. Er spielt auch in einer Kleinstadt. In welchem Zusammenhang stehen dieser Roman und ›Diese gottverdammten Träume‹?

Meine Geschichten haben eigentlich alle dasselbe Thema: Ich will von Amerika erzählen, wie es Menschen aus verschiedenen Klassen und aus unterschiedlichen Familien erleben. Für mich – aber auch für meine Eltern und meinen Großeltern – ist Amerika vor allem dieses große Versprechen, das es gar nicht einlösen kann… dass wir hier alles sein können, was wir wollen. Diesem amerikanischen Traum steht eine Struktur sozialer Klassen entgegen, deren Existenz wir nicht gerne zugeben. Und wie können wir uns neu erfinden, wie zum Beispiel Gatsby es versucht, ohne unsere Verbindungen zur Vergangenheit zu kappen? Und spielt die Herkunft nicht auch eine signifikante Rolle für das Schicksal?

Mein neuer Roman ›Everybody’s Fool‹ spielt an einem einzigen Wochenende, dem des Memorial Day. Alle Charaktere, die auftauchen, müssen sich auf irgendeine Art und Weise mit dem Tod auseinandersetzen und mit einer Vergangenheit, die einfach nicht ruht. Also, ganz ähnlich wie bei Miles Roby in ›Diese gottverdammten Träume‹, der sich entscheiden muss, welches Leben er lebt; sein eigenes oder das, was seine Mutter sich für ihn erträumt hat.